Station 12 - Vitalität und Vielfalt – was die Natur so alles kann!
Ein lebendiges Gewässer ist ein wahres Naturwunder: Es schlängelt sich durch die Landschaft, verlagert sein Bett, schafft weitgehend unbeeinflusst neue Strukturen und Lebensräume. Wechselnde Wasserstände bringen Dynamik in die Prozesse und lassen neue Strukturen entstehen. Pflanzen und Tiere folgen, nehmen diese neuen Lebensräume an und es bilden sich dichte Gebüsche oder lichte Auwälder. So entsteht Vielfalt – dynamisch, kleinteilig, artenreich. Doch viele Bäche und Flüsse sind heute gezähmt. Ihre natürliche Gestaltungskraft wurde ihnen genommen. Dabei kann genau diese Kraft zum Schlüssel werden: Wer der Natur mehr Raum lässt, spart langfristig Kosten und Pflegeaufwand.
Die Natur weiß, was sie tut – wenn man sie nur lässt.
Manchmal ist das Beste, was man tun kann: nichts überstürzen, Raum geben, beobachten. Denn die Natur ist eine Meisterin der Dynamik. Fließgewässer zeigen eindrucksvoll, was möglich ist, wenn man natürliche Prozesse zulässt. Wasser in Bewegung gestaltet seine Umgebung – schafft Kolke, Uferabbrüche, neue Flutrinnen. Mal sanft, mal kraftvoll – je nachdem, wie viel Wasser gerade unterwegs ist. Besonders Hochwasser bringt Dynamik ins Spiel. Doch nicht nur das Wasser formt: Auch Pflanzen wandern, siedeln sich neu an, verschwinden wieder – das ist Sukzession, das ist Vegetationsdynamik.


All das passiert ganz ohne Bagger, Pläne oder Eingriffe – solange man der Natur Zeit lässt und den nötigen Raum. So entstehen vielfältige, kleinteilige Lebensräume voller Struktur und Artenreichtum. In solchen dynamischen Gewässerlandschaften kann man erleben, wie neue Lebensräume von selbst entstehen und wie sich die Natur erneuert.
Leider sind viele unserer Bäche und Flüsse heute in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt – durch harte Uferbefestigungen, enge Trassen oder intensive Pflege. Die natürlichen Prozesse, die so viel leisten könnten, kommen kaum noch zum Tragen. Dabei wäre es gerade angesichts knapper öffentlicher Mittel klug, auf die Kraft der Natur zu setzen.
Natürlich braucht es trotzdem Aufmerksamkeit. Beobachtung, Kontrolle, gelegentliches Eingreifen. Aber das bedeutet nicht, alles zu planen und zu kontrollieren. Oft reichen kleine Impulse: ein Stück Verbau entfernen, Ufern modellieren, den Wasserlauf lenken. Solche Initialmaßnahmen genügen häufig, um die Entwicklung in Gang zu bringen – nachhaltig, kosteneffizient und ökologisch sinnvoll.
Der Pösgraben verläuft auf seiner letzten Strecke im Gemeindegebiet Großpösnas durch Offenland und landwirtschaftlich genutzte Flur. Der Bach ist deutlich eingetieft und begradigt. Unter den Pflanzen versteckt sich noch Uferverbau. Nur an einzeln Stellen wachsen Bäume, ansonsten gedeihen viele Hochstauden und Gräser auf den Uferböschungen.
„Entwicklung“
Der Bach verläuft hier weitgehend unbeeinflusst. Daher ist auch wenig Pflege erforderlich. Durch Initialmaßnahmen könnte die Eigendynamik in der Gewässersohle und am Ufer sowie die natürliche Gehölzentwicklung sogar noch beschleunigt werden.
Auch zur Strukturverbesserung und Initiierung von Eigendynamik gibt es geeignete ingenieurbiologische Bauweisen. Sie wirken dadurch, dass sie die Strömung im Fließgewässer lenken und beleben. Dadurch entstehen vielfältige Strömungsmuster, eine Breiten- und Tiefenvarianz und es erfolgt eine Sortierung des Sohlensubstrates. Je nach Bauweise und deren Dimensionierung werden Umlagerungsprozesse innerhalb des bestehenden Profils oder auch Prozesse mit seitlicher Gewässerverlagerung erreicht. Mit dem Austrieb der Lebendbauweisen und der Entwicklung der Vegetation werden diese Effekte noch verstärkt. Damit wirken Strömungslenkung und Initiierung von Eigendynamik nicht nur unmittelbar nach dem Einbau der Bauweisen, sondern auch noch Jahre danach und begünstigen eine naturnahe Gewässerentwicklung.


Für den erfolgreichen Einbau der ingenieurbiologischen Bauweisen zur Initiierung von Eigendynamik sind auch hier die Beachtung der Rahmenbedingungen am Einbauort sowie der fachgerechte Einbau und die anschließende Pflege der Bauweisen entscheidend. Ausführliche Beschreibungen der ingenieurbiologischen Bauweisen zur Initiierung von Eigendynamik sind in TLUG (2015) weitere Erläuterungen zu ingenieurbiologischen Bauweisen in DWA (2020 und 2022) zu finden.
Der Zeitraum des Einbaus der Bauweisen ist abhängig vom verwendeten Lebendmaterial. Bauweisen ohne Verwendung von Lebendmaterial können theoretisch das ganze Jahr über eingebaut werden. Bauweisen mit austriebsfähigen Pflanzen und Pflanzenteilen sind während der Vegetationsruhezeit an frostfreien Tagen auszuführen. Durch das Einbauen in der Vegetationsruhe der Pflanzen wird der bestmögliche Anwuchserfolg erzielt.
Einfache Bauweisen können in Handarbeit ausgeführt werden. Für die Herstellung aufwändigerer Bauweisen oder Bauweisen in Kombination mit Steinen (z. B. begrünte Steinschüttungen) sind Baumaschinen wie Bagger und Radlader unerlässlich.
