Station 9 - Vielfalt wachsen lassen
Viele Bachufer sehen aus, als hätten sie einen Dauertermin beim Rasenmäher – kurz, monoton, überall gleich. Doch braucht ein Gewässer wirklich so viel Ordnung? Im Gegenteil: Häufiges Mähen ist teuer, pflegeaufwendig und bringt der Natur wenig. Bunte Wiesen, hohe Stauden oder auch mal ein Busch am Ufer schaden dem Wasserabfluss nicht – sie nützen sogar! Denn dort blüht das Leben. Wer abwechslungsreich pflegt, statt alles gleich zu schneiden, schafft Räume für Schmetterlinge, Vögel und wertvolle Pflanzen. Unterschiedlich gemähte Bereiche – mal kurz, mal lang, mal gar nicht – machen das Ufer vielfältig. Die Natur und Arten freut es, das Wasser fließt trotzdem ausreichend gut ab.
Schonend pflegen, heißt manchmal auch nicht zu mähen.
„Gras ist das Haar der Mutter Erde“ – poetisch und zugleich provokant formuliert es Karl Förster, der berühmte Gartenphilosoph des 20. Jahrhunderts. Doch sein Nachsatz ist ebenso bemerkenswert: „… und wurde bisher nur im geschorenen Zustand gefeiert.“ Genau diese Haltung prägt bis heute das Verständnis von Grünflächen und Gewässerufern – kurz, aufgeräumt und möglichst pflegeleicht. Doch diese Art der Mahd ist nicht nur teuer und aufwendig, sondern aus ökologischer Sicht auch fragwürdig.


Denn um Wasser sicher abzuleiten, braucht es keinen kurzen Rasen. Auch höhere Gräser, Kräuter und sogar üppige Hochstaudenfluren erfüllen diese Funktion – und das oft besser, als man denkt. Die Mahd der Ufer ist eine der am häufigsten ausgeführten Unterhaltungsmaßnahmen. Doch je häufiger gemäht wird, desto naturferner wird der Bach. Statt Vielfalt entsteht Einfalt – monotone Rasenböschungen, in denen kaum noch Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu finden sind.
Dabei kann durch eine angepasste Pflege viel erreicht werden. Wenn Abschnitte unterschiedlich oft und unterschiedlich intensiv gemäht werden, entsteht ein wertvolles Mosaik aus Vegetationsstrukturen: dichter Rasen, artenreiche Wiesen, hoch auf wachsende Stauden, unberührte Uferstreifen und einzelne Gehölze. Solche Strukturen bieten Rückzugsräume, Nahrung und Nistplätze – und fördern ganz nebenbei auch eine vielfältige Strömungsdynamik im Bach.
Deshalb heißt es: angepasste Pflege statt Einheitsschnitt. Dies wird durch abschnittsweise Mahd mit wechselndem Turnus und das gezielte „Wachsenlassen“ von Hochstauden und Gehölzen an geeigneten Stellen erreicht. Und immer gilt: Es wird nur so viel gemäht, wie es die Sicherung der Abflussleistung wirklich erfordert. Denn bei Hochwasser legen sich die krautigen nicht verholzten Pflanzen flach auf das Ufer und das Wasser fließt einfach darüber hinweg. Der Rest darf wachsen, blühen und leben.
Der Bach ist hier sehr tief und hat steile Uferböschungen. Damit dieses Profil so erhalten bleibt, wurde es seinerzeit mit Rasengitterplatten befestigt. Diese sind inzwischen mit Gras- und Krautwuchs überwachsen.
„Entwickeln“
Durch seltenere Mahd sollen sich im unteren Bereich Gräser und Hochstauden entwickeln, die den Bach wenigstens teilweise beschatten. So kann an der Gewässersohle eine beruhigte Zone entstehen, in der sich Insekten und Kleintiere wohlfühlen und zwischen den renaturierten Abschnitten an der Grimmaischen Straße und denen nördlich von Großpösna hin und her wandern können.
Krautige Pflanzen, Gräser, Hochstauden oder Schilf, die auf dem Ufer wachsen, können regelmäßig gemäht werden. Das Mähgut wird zunächst liegen gelassen und nach spätestens zwei Tagen abtransportiert. Damit werden Fluchtmöglichkeiten für träge Kleintiere und die Samenbildung der Pflanzen ermöglicht. Der Abtrocknungsvorgang reduziert außerdem das Gewicht des Mähguts.


Um ökologischen Anforderungen gerecht zu werden, sollte bei der Mahd abschnittsweise vorgegangen werden. D. h., ein Teil des Wiesenbestandes wird jeweils stehen gelassen und zu einem späteren Zeitpunkt im gleichen oder im nächsten Jahr gemäht. Außerdem sollte eine Schnitthöhe von 10 cm nicht unterschritten werden, damit noch ein Restlebensraum für bodennahe Lebewesen (z. B. Käfer, Spinnen) erhalten wird.
Der erste Schnitt sollte vorzugsweise Mitte Juli stattfinden, jedoch nicht vor Mitte Juni, um die Blütenbildung sowie die Bildung vegetativer Vermehrungsorgane/Wurzelsprosse abzuwarten. Der zeitliche Abstand zwischen erstem und zweitem Schnitt sollte mindestens acht Wochen betragen.
Aus ökologischer Sicht ist der Einsatz von Balkenmähern gegenüber Rotationsmähwerken (Trommel- und Scheibenmähwerk) vorzuziehen, weil durch Balkenmäher deutlich geringere Ausfälle von Insekten und Amphibien verursacht werden. Handgeführte Motormäher (Messerbalkenmähwerk oder Motorsense/Freischneider) werden in der Regel nur an Gewässerabschnitten ohne Zuwegung eingesetzt.
