Station 3 - Weniger ist mehr!
Gewässer können vielfältige Lebensräume bieten. Die meisten der Bewohner sind dabei auf ganz bestimmte Bedingungen angewiesen. Je naturnäher und vielfältiger ein Gewässer ist, desto besser ist es als Lebensraum geeignet und umso mehr Arten sind anzutreffen. Jede Pflegemaßnahme bedeutet einen Eingriff in diese Funktions- und Artenvielfalt. Für Fließgewässer gilt daher: Weniger ist mehr! Weniger Eingriffe durch den Menschen und mehr Eigendynamik des Gewässers ermöglichen vielfältiges Leben im und am Gewässer. Das bringt ökologische Vorteile für Mensch und Natur und eröffnet Kommunen die Möglichkeit, ihre Gewässer nachhaltig zu pflegen.
Beobachten und nur bei Bedarf eingreifen!
Naturnahe Gewässer bestehen aus einem Mosaik vielfältigster Lebensräume für ganz unterschiedliche Arten an Pflanzen und Tieren sowie Mikroorganismen. Die meisten davon sind hoch spezialisiert und auf ganz bestimmte Lebensbedingungen angewiesen. Strukturreiche Gewässer fördern die Artenvielfalt. In strukturarmen Gewässern mit schlechtem ökologischen Zustand, Überhitzung oder Nährstoffeintrag sind diese Arten selten überlebensfähig. Eine besondere Rolle in diesem Lebensraummosaik spielen die Ufergehölze und das Totholz. Sie bieten Lebensraum für eine Vielzahl von Organismen. Pilze, Insekten, Vögel und Kleinsäuger finden hier Nahrung, Schutz und Fortpflanzungsstätten. Diese wiederum unterstützen die natürlichen Bodenfunktionen zur Wasserspeicherung sowie als Lebensraum. Die Beschattung des Gewässers durch die Gehölze reguliert die Wassertemperaturen, da die direkte Sonneneinstrahlung reduziert wird. Die Verdunstung wird ebenfalls entsprechend reguliert. Im Gewässer stellt sich ein natürliches Temperaturregime ein. Der Aufwuchs von krautigen Pflanzen im Gewässer wird durch die Beschattung eingedämmt. Totholz und Laub, das insbesondere im Herbst in Gewässer gelangt, dient den gewässergebundenen Tieren als Nahrungs- und Lebensgrundlage.


Totholz unterstützt als strukturbildendes Element die natürlichen Entwicklungsprozesse im Bach. Der Gehölzbestand selber dient als Lebensraum für Brut- und Zugvögel, Säugetiere u. a. Fledermäuse und Kleinnager aber auch dem Fischotter und angepassten Insekten und Spinnen. Aufgrund der linearen Struktur der Gewässer dienen diese auch dem Biotopverbund, in dem geschützte Wanderkorridore für eine Vielzahl von Tierarten entstehen. Totholz und Falllaub, das nicht in das Gewässer fällt, sondern auf angrenzenden Flächen verbleibt, dient dem Aufbau von Bodenstrukturen. Die bodenbewohnenden Arten zersetzen es und tragen zur Humusbildung bei. Der Humusgehalt wiederum erfüllt wichtige Funktionen für die Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen. Der Gehölzbestand ist daher entscheidend für die Biodiversität und den Erhalt der ökologischen Balance.
All diese Funktionen stellen sich über die Gewässereigendynamik und die Vegetationsdynamik von selbst ein. Durch Pflege, Mahd, Gehölzentnahme, Beräumungen werden diese Prozesse gestört und verhindert. Der Schutz und Erhalt eines naturnahen Gehölzbestandes ist somit von großer Bedeutung für die Gewässerökologie. Gerade in solchen naturnahen Gehölzbeständen kann es daher besser sein, bewusst auf Pflegeeingriffe zu verzichten. Ergänzend sind gegebenenfalls ökologisch angepasste Maßnahmen geeignet, um die Strukturvielfalt zu erhalten oder zu fördern.
Der Pösgraben verläuft hier im Übergangsbereich vom Wald hin zum Ortsrand. Bebaute Grundstücke, Wege und Bauwerke sind hier schon näher am Gewässer. Der Pösgraben hat in diesem Abschnitt eine naturnahe Sohle und intakte Ufer. Diese sollten erhalten bleiben.
„Entwickeln“
Der Bachabschnitt soll sich gemäß den in der Abbildung dargestellten naturnahen Strukturen als wertvoller Lebensraum für Tiere und Pflanzen weiterentwickeln. Gewässer und Ufervegetation werden in Ruhe gelassen und regelmäßig beobachtet. Nur wenn es nötig ist, wird mit schonenden Maßnahmen eingegriffen.
Die Bedeutung der Maßnahme liegt nicht primär im aktiven Handeln sondern im gezielten Beobachten und Bewerten von Entwicklungsprozessen. Auf dieser Basis wird das weitere Handeln beschlossen, z. B. das Zulassen von Entwicklungen mit Überwachung eigendynamischer Entwicklungen, behutsames Eingreifen oder kurzfristige Maßnahmen zur Schadensbeseitigung und Gefahrenabwehr.


Durch regelmäßige Begehung wird die Entwicklung des Gewässers beobachtet. Positive und negative Entwicklungstendenzen und Schadeinflüsse aus der Umgebung werden dabei begutachtet. Bei Bedarf erfolgt eine Schadensaufnahme. So werden kurzfristige und an aktuelle Geschehnisse angepasste Entscheidungen über Maßnahmen am Gewässer unter Vermeidung unnötiger Maßnahmen und unnötiger Schäden möglich.
Sinnvoll ist es, Kontrollen des Gewässerzustandes in der Vegetationsruhezeit durch zuführen. Laubgehölze sind dann unbelaubt und ermöglichen eine ungehinderte Sicht auf alle relevanten Bereiche. Turnusmäßige Kontrollgänge können auch im Rahmen von Gewässerschauen gemeinsam mit weiteren Beteiligten durchgeführt werden. Neben regelmäßigen Kontrollgängen können zusätzliche Begehungen wie z. B. nach Hochwasser, Sturm oder ausgeprägtem Wildverbiss durchgeführt und Sofortmaßnahmen festgelegt werden.
Zu Dokumentationszwecken sollten zum Fotografieren oder Filmen geeignete technische Geräte genutzt werden. Die Fotos bzw. Videos sollten möglichst kombiniert mit Standortkoordinaten aufgenommen werden.
